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Mensch sein zwischen Verantwortung und Konsum

Regeneratives Wirtschaften und nachhaltige Lieferketten in der Textilindustrie - Ein Erfahrungsbericht über meine Reise nach Indien im November 2022
 

Ende November diesen Jahres war es soweit, die Vorfreude war nur noch schwer auszuhalten. Es ging nach Indien, um eine textile Lieferkette kennenzulernen, vom Saatkorn zum Shirt – doch mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und regenerative, soziale und ökologische Verantwortung. Dies alles sind Begriffe und Themen, mit denen ich mich während meiner Arbeit regelmäßig beschäftige, weiterbilde und auch selbst Formate für andere schaffe. Doch wie genau sieht das in der Praxis aus? Was mir sehr klar wurde ist, dass Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ oder „regeneratives Wirtschaften“ aus Büchern und dem Internet sich erst dann mit Leben füllen, wenn man sie in „echt“ erfahren hat. Das klingt so banal und ist mir auch vor der Reise schon klar gewesen - doch nach der Reise ist es eben noch klarer. Diese Begriffe bekamen so mehr Tiefe und Qualität, ich konnte zu ihnen eine Verbindung und Bewusstheit aufbauen.


Ich werde in meinem Bericht chronologisch vorgehen und erzählen. Über unsere Arbeit bei YNEO im Bereich der Nachhaltigkeit habe ich Ralf kennengelernt. Er ist Geschäftsführer von Dibella Good Textiles, Nachhaltigkeitspionier im Textilbereich und ein echtes Role-Model als nachhaltiger Unternehmer. Damit Kund*innen und Partner*innen eine wirklich nachhaltige Lieferkette - vom Feld zum fertigen Textil - erleben können, veranstaltet Ralf einmal im Jahr eine Reise nach Indien. Zu eine dieser Reisen wurde ich von Ralf im November eingeladen. Wir verbrachten eine Woche in Indien und bereisten währenddessen verschiedene Orte.

 

Tag 1: Hyderabad – oder auch mein erster Tag in Indien überhaupt


20 Minuten Schlaf nach 20 Stunden Reise - auf gehts! Wir sind eine kleine Gruppe von nachhaltigen Unternehmer*innen, teilweise mit Partner*innen und eine Familie. Wir kommen aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland, schütteln uns einmal alle die Hände und haben ab jetzt sechs Tage Zeit, um uns besser kennenzulernen. Die ganze Reise hat Ranga (von Dibella India) organisiert und wir starten gemeinsam mit ihm und Arun (von der Chetna Organic Cotton Cooperative, kurz Chetna - dazu später mehr).


Zum Ankommen in Indien, gibt es zum Start eine Tour durch unsere Ankunftsstadt Hyderabad - wir besuchen eine Festungsruine und den Markt in der Innenstadt. Die Ruine fasziniert mich, weil sie über ihren historischen Wert hinaus, als kultureller Ort (eine Art Open-Air-Museum) noch so viel mehr ist. Hier kommen Familien zum Besichtigen, Entspannen, Picknicken und Beten hin - religionsübergreifend und in Harmonie.



In der Innenstadt selbst bin ich zuerst einfach nur baff und sensorisch am Limit – was gut ist! Hyderabad ist eine besondere Stadt und Region. Zum Abend gab es schließlich ein typisch indisches Essen mit Spezialitäten, die es nur hier in der Region gibt und deren Namen ich mir leider nicht aufgeschrieben habe.


Ich bin sehr aufgeregt und voller Spannung, was mich in den kommenden Tagen erwartet.



 

Tag 2: Adilabad - in der Nähe von Hyderabad auf dem Land - das Leben der Farmer*innen


Mit dem Auto geht es sehr früh für viele Stunden in Richtung Norden. Wir sind auf dem Weg in die Region, in der die Chetna Organic Cotton Cooperative verschiedene Dörfer von Farmern betreut, die in Selbstverwaltung Organic Cotton Farming betreiben. Die Bäuerinnen und Bauern unterstützen sich im Dorf als Gemeinschaft gegenseitig, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Es gibt so etwas wie Dorfälteste und Menschen, die etwas zu sagen haben. Wir werden sehr herzlich und mit Geschenk in Form eines Tuches begrüßt. Nach einem Austausch auf dem zentralen Gemeinschaftsplatz im Dorf schauen wir uns die Baumwollfelder an. Die Pflanzen stehen am Anfang der Erntezeit. Wir pflücken ein paar Früchte, die lokale Presse begleitet uns und vier Polizisten passen auf uns auf. In diese Gebiete dürfen keine „Fremden“. Die Bauern aus diesen Dörfern werden von der Regierung geschützt.


Nach unserem Ausflug auf die Felder essen wir noch gemeinsam mit einem Großteil des Dorfes, hauptsächlich den Männern, auf dem Gemeinschaftsplatz - auf dem Boden und mit Händen. Mir gefällt es sehr in der Gemeinschaft - auf Augenhöhe und geerdet. Mit den Händen zu essen stellt die direkte Verbindung mit allen Sinnen zur Nahrung wieder her, das wird mir hier bewusst.



Die zweite Station an diesem Tag ist eine Mädchenschule in der Region. Doch zuvor gibt es einen ungeplanten Zwischenstopp bei der örtlichen Polizei. Der Polizeichef des Districts ist extra angereist, weil er uns kennenlernen will - wir treffen ihn daher, obwohl er mit der Lieferkette nur im weiteren Sinne zu tun hat. Wir dürfen schließlich mit seiner Erlaubnis hier sein. Auch hier geht es herzlich zu und wir bekommen wieder ein Tuch geschenkt. Anschließend dürfen wir weiter zur Schule fahren.


Chetna unterstützt viele Projekte rund um die Belange der Baumwollfarmer. Mit der Stärkung der Farmer*innen durch Chetnas Organic Farming, wird Nachhaltigkeit auf umwelt- und gesellschaftlicher Ebene gelebt. Auf der Umweltebene äußert sich dies durch den Verzicht auf Pestizide, das Einsparen von Ressourcen und die Nutzung natürlicher Pflanzen als Abwehr für Schädlinge. Zudem werden Pflanzen zur Nahrungsgewinnung mit zwischen den Baumwollfeldern angebaut. Das alles sorgt für eine höhere Biodiversität.

Auf gesellschaftlicher Ebene unterstützt Chetna rund um den Baumwollanbau die Farmerfamilien - mit einem Fokus auf Bildung. Vor einigen Jahren wurde die Schule, die wir besuchen, ausgesucht, um die Bedingungen für die Schülerinnen zu verbessern. Jetzt, nach 5 Jahren, waren die Unterstützer, die mit unserer Reisegruppe reisen, teilweise zum ersten Mal persönlich vor Ort und haben live sehen können, was alles entstanden ist ( z.B. Sitzbänke für die Räume, Doppelstockbetten für die Gruppenräume, Sanitäreinrichtungen, Warmwasser, überdachte Bänke, ein „Sience-Lab“, uvm). Durch die Maßnahmen ist die Quote der Schülerinnen mit Schulabschluss an der Schule innerhalb von 4 Jahren von 60 auf 95 % gestiegen. Die Schülerinnen haben sich mit Tänzen bedankt. Das war sehr ergreifend. Mit viel Energie und Winken haben wir diesen wundervollen Ort verlassen müssen.



Die dritte Station an diesem Tag war ein Trainingscenter für Organic Farming, auch ein Projekt der Chetna Kooperative. Die 1500 Farmer*innen in diesem Gebiet lernen hier, was Organic Farming ist, welche Pflanzen sich positiv beeinflussen, wie das mit den Nährstoffen im Boden so ist und wie sie in ihrer Community die Ressourcen gut nutzen können. Das Gebäude wurde zusammen mit den Farmern und zum großen Teil durch Fördergelder der Good Texteiles Foundation errichtet. Meist schicken die Dörfer/Communities eine Person zum Lernen, der das Wissen dann im Dorf und der Community teilt. Nach diesem kurzen Stop fahren wir in ein Tiger-Resort und sitzen am Lagerfeuer, um den Tag und die sacken zu lassen.


Dieser Tag ist ehrlich eine Achterbahn der Gefühle. Ich bin während den Fahrten teilweise Beifahrer gewesen und damit beschäftigt aufzupassen um alles wahrzunehmen und neues zu lernen. Meine Emotionen bewegen sich zwischen Begeisterung, Demut, Wut, Trauer, Fröhlichkeit, Hoffnung und Dankbarkeit.

 

Tag 3: Wir bleiben auf dem Land bei Adilabad und in der Region


Wir sind so früh unterwegs, dass mehr Affen, als Autos und Menschen auf der Straße sind. Unser Ziel und erste Station für diesen Tag ist das District Büro von Chetna. Wir frühstücken und hören einen Vortrag über die Arbeit von Chetna und die Begleitung der Organic Farmer. Ein paar Worte zur näheren Erläuterung sind hier angebracht. Chetna ist eine Bauern-Kooperative. Es schließen sich immer um die 30 Bauern zusammen und beschließen Organic Farming zu betreiben. Die Chetna-Kooperative gehört vollständig den Bauern. Chetna unterstützt beim Vertrieb und begleitet die Bauern intensiv in den ersten drei Jahren, wenn das Land mit den neuen Methoden bewirtschaftet wird. Danach werden die Dörfer regelmäßig besucht und Probleme und Herausforderungen besprochen. Natürlich sinken erst einmal die Erträge, jedoch ebenso die Kosten der Bewirtschaftung und die zwischen der Baumwolle angepflanzten Nutzpflanzen sorgen auch für Nahrung. Die Lagerung der Baumwolle im Dorf sorgt für mehr Unabhängigkeit. All das stärkt die Bauern, die Böden und die Biodiversität. Die Mengen werden gesichert abgenommen durch Firmen wie Dibella, die Preise und Langfristigkeit garantieren. Im Gegenzug gibt es echte ökologisch angebaute Baumwolle, die nachhaltig produziert wurde. Eine Win-Win-Situation für Bauern, Textilhersteller und die Umwelt.


Die zweite Station dieses Tages ist ein Dorf, das seit dem letzten Besuch durch Ralf und Dibella (mit dem ZDF) Aufmerksamkeit bekam und sich Kühe gewünscht hat (siehe Good Textiles Foundation - Initiative: Jeder Bauer eine Kuh). Wir wurden auch hier wieder herzlich empfangen - überschwänglich und voller Dankbarkeit. Die Kühe sind seit einiger Zeit da und wir haben wieder mit den Menschen im Dorf gegessen. Anschließend ging es zum zweiten Mal aufs Feld und hier gab es einen kleinen Vortrag über Baumwolle. Wir haben erfahren, wie die Pflanze natürlich wächst, welche Schädlinge und Gefahren es beim Anbau gibt und wie diese auf natürliche Weise unterbunden werden können. Eine spannende Lehrstunde in der wir, mit einem parallelen Erzählstrang, ebenfalls gelernt haben, wie der Baumwoll-Anbau in Communities läuft, in denen die Bauern konventionell arbeiten und industrielles Saatgut nutzen. Ein kleines Beispiel: Chetna stellt das Bio-Saatgut, zieht die Kosten erst bei der Veräußerung der Ernte ab und unterstützt die Bauern auch gute Preise zu erzielen. Im konventionellen Anbau finanziert der Bauer Saatgut und den notwendigen Kunstdünger vorher, was für eine Verdoppelung der Kosten sorgt. Auf dem gesamten Feld wird dann Baumwolle angebaut, somit muss auch Nahrung zugekauft werden. Die Autonomie der Bauern sinkt, die Abhängigkeit steigt. Das Risiko bei geringen Ernten oder Ernteausfällen, welches durch den vom Menschen verursachten Klimawandel steigt, muss ohne Kooperativen alleine von den Bauern getragen werden.



Die letzte Station für den dritten Tag ist die „Ginnery“ - die Entkörnung.

Beim „ginnen“ (entkörnen) wird die Baumwolle in eine große Maschine über ein Förderband gesteckt und dann auf verschiedene Arbeitsstationen verteilt. Dort wird die Baumwollfaser vom Kern getrennt. Die Kerne werden weiterverkauft und zu Öl verarbeitet. Das wiederum kann zum Braten verwendet werden. Die Baumwollfasern selbst werden gepresst und als Ballen gelagert. Üblicherweise ist der „Ginner“ der Zugang zum Markt für die Bauern. Viele Bauern nehmen lange Wege auf sich, um ihre Ernte abzugeben und werden dann zum Tagespreis bezahlt. Als wir hier sind, sehen wir kaum Baumwolle. Die Bauern wollen ihre Ernte gerade nicht abgeben, da der Preis am Weltmarkt zu gering ist ( nämlich bei 80 $ Cent pro Kilogramm - ab 1 $ pro kg können die Bauern ihre Familien ernähren und das Jahr überstehen). Chetna hilft auch hier und übernimmt das Einsammeln und den Transport der Baumwolle, behält die Preise im Blick und verhandelt als Kooperative mit der Ginnery. In dieser Entkörnungsanlage macht Organic Cotton gerade mal 10 % der Jahresmenge aus. Es ist also noch ein langer Weg bis zu einer nachhaltigen und ökologisch verantwortungsvollen Textilbranche.



Wir fahren mit vielen neuen Eindrücken wieder zurück nach Hyderabad. Es ist still im Auto. Mein Gehirn arbeitet. Ich esse heute überall nur noch mit den Händen und habe das Gefühl mein Körper nimmt über seine Sinne und Zugänge alles an Input in sich auf, was die Umwelt hergibt. Die letzten zwei Tage haben mir eine Lektion in Demut, Ganzheitlichkeit und eingebettet sein gegeben. Ich fühle mich lebendig.



 

Tag 4: Es wird technisch und industriell – zwischen Salem und Bangalore


Wir starten nach einer kurzen Reise mit dem Flugzeug in einer Färberei. In der Produktionskette kommt vorher noch das Spinnen und Weben - das folgt für uns anschließend. Wir sind nicht ganz chronologisch im Produktionsprozess unterwegs an diesem Tag. Eins noch vorab: Wenn es in Europa „öko“ zertifizierte Textilien zu kaufen gibt, müssen die Betriebe in der Produktionskette auch zertifiziert sein. Das bedeutet, dass das Abwasser aufbereitet wird und im Beispiel der Wäscherei zu über 95 % wieder in den Produktionskreislauf fließt, die Mitarbeitenden fair bezahlt werden und die Arbeitssicherheit gewährleistet wird. Die guten Betriebe kümmern sich darüber hinaus um eine nachhaltige Energiebeschaffung durch Solar und Wind.

Die Kurzversion der Färberei (Waschen und Bleichen gehören mit dazu): Die großen Rollen aus der Weberei kommen an, durchlaufen meterlange Maschinen und werden gewaschen und gebleicht. Danach geht es zum Färben und die Stoffbahnen werden auf Breite zugeschnitten, für die Weiterverarbeitung in der Näherei. Die Schritte Bleichen und Färben könnten theoretisch weggelassen werden - damit würden keine belastenden Chemikalien mehr ins Abwasser gelangen, welches dann aufwendig gereinigt werden muss. Der Wasserfußabdruck des Textils würde noch etwas geringer. Natürlich gibt es auch Maschinen für die Qualitätssicherung - mit optischen Prüfverfahren für Maschen, Gleichmäßigkeit der Färbung. Außerdem gibt es Maschinen für ein Spannen und Ziehen des Stoffes, damit er beim Waschen im Nachhinein nicht einläuft. (Wer hat nicht schon mal ein in sich verdrehtes Shirt auf der Waschmaschine geangelt). An dieser Station der Reise gab es verrückte Maschinen, mit echt viel Technik zu bestaunen. Fun-Fact am Rande: In der Fabrik werden 1 Mio. Meter pro Monat verarbeitet.



Wir fahren wieder ein paar Stunden zur nächsten Station – diesmal zur Näherei.

Hier fällt vor allem auf, dass es sauber und hell ist, wir blicken in lächelnde Gesichter und sehen viele Maschinen und Förderbänder, die schwere Sachen transportieren. Das klingt vielleicht komisch, doch ich kannte eine Näherei bisher nur aus Dokumentarfilmen über die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche. Meine Vorstellungen über Lieferketten im Textilbereich starteten bisher immer hier - doch die vorgelagerten Schritte durfte ich in den vorherigen Tagen schon kennenlernen und meine Bilder im Kopf mit der Realität abgleichen. Zusammengefasst passiert hier: Zuschneiden auf Länge, Kanten abnähen, zusammennähen, legen & bügeln und verpacken. In der Fabrik werden die Produkte von Dibella hergestellt.

In diesem Nähereibetrieb wird mit Prinzipien für kontinuierliche Verbesserung (KAIZEN) und nach Lean Production Prinzipien gearbeitet. Alle Fehler werden analysiert, z. B. die Nadeln die gebrochen sind. Alle Wege werden optimiert und überall sieht man Boards für Verantwortlichkeiten, Status und Regeln. Ein kleines KanBan Board über die aktuell laufenden Kundenaufträge gibt es auch. Ich bin sofort im Thema und connected.



Die letzte Station für den Tag ist eine Spinnerei und eine Weberei. Hier wird die Baumwolle roh, entkörnt und gepresst angeliefert. Auf der anderen Seite kommt gewebter Stoff heraus. In diesen Werken stehen sehr große, laute und schnelle Maschinen - vieles hier ist automatisiert. Warm und schwül ist es - dieTemperatur und Luftfeuchtigkeit ist „optimiert“ für die maschinelle Verarbeitung der Fäden. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Bild davon, wie aus einem flauschigen Büschel ein fester Faden wird. Zuerst werden die Fasern gereinigt, gelockert und über Rohre auf Maschinen verteilt. Ein erster Vorfaden entsteht - super locker und breit. Davon werden mehrere zu einem Rohfaden zusammengeführt, der dann in einer anderen unfassbar langen und großen Maschine zu dem Faden wird, der dann in die Weberei geliefert wird. Dazwischen wird viel nach Fehlern kontrolliert und optisch geprüft. Es wird hier viel abgesaugt, damit die Baumwollfasern von den Mitarbeitenden nicht eingeatmet werden.



Direkt nebenan ist die Weberei - wie praktisch. Hier werden die fertigen Fäden zu hunderten eingespannt und parallel auf einer großen Rolle aufgerollt (es sind ca. 1100 Fäden darauf). 16 dieser großen Rollen werden zusammen aufgerollt und die Fäden mit Stärke versetzt (das ist notwendig, damit die Fäden die Geschwindigkeit beim Weben aushalten und nicht reißen). Wieder entsteht eine Rolle - mit ca. 16.000 Fäden. Diese dicke, große und schwere Rolle landet im Webstuhl und wird Stoff. Soll ein Stoff Muster bekommen, werden die 16.000 Fäden einzeln eingespannt und noch einmal gesondert, mit Rechnerunterstützung verwebt. (Die Stärke wird in der Wäscherei herausgewaschen - die wir am Anfang des Tages besucht haben)



Dieser ganze Tag hat sich ein bisschen angefühlt wie bei der Sendung mit der Maus. Industrielle Massenfertigung für den globalen Markt - so sieht das also aus. Ein Kilogramm Baumwolle für 1 Dollar ist nach der Spinnerei als Faden um die 3 Dollar pro Kilogramm wert. Als gefärbter Stoff auf der Rolle zwischen 2 und 5 Dollar pro Meter. Die Bauern wissen nicht, was mit der Baumwolle passiert, nachdem sie sie bei der Ginnery abgegeben haben.



 

Tag 5: Verantwortung

Wir starten wieder früh und mit einer langen Autofahrt. Zuerst besuchen wir einen uralten Krishna Tempel, in dem Krishna selbst schon meditiert und gebetet haben soll. Es hat eine körperlich spürbare Wirkung auf mich, an diesem Ort zu sein - ich bekomme Gänsehaut in Wellen, Traurigkeit, Hoffnung und Freude bilden sich gleichzeitig in meinem Körper ab. Verrückt - ich bin überzeugt, dass es eine Art evolutionäre Intelligenz gibt, die dazu führt, dass „heilige“ Orte da sind, wo sie sind. Natürlich sind uns Tempel und Schreine schon häufiger auf der Tour begegnet. Beten und Tempelgänge sind ein wichtiger Bestandteil der täglichen Routine in Indien - das Fasten auch. Ich lerne noch mehr über Hinduismus, die Verbindung zur Natur und die Geschichte des Landes.


Doch zurück zu unserem Produktionskreislauf. So gut die Fabriken auch die Ressourcen in Kreisläufen denken und managen, es entstehen trotzdem Fußabdrücke auf dem Planeten. Damit, z.B. CO2 dort kompensiert wird, wo es entsteht, hat Dibella einen Wald gepflanzt - bzw. ist noch dabei diesen zu pflanzen. Es ist ein Herzensprojekt von Ralf. Die Bauern, die den Wald bearbeiten und anpflanzen bekommen einen Lohn, damit es sich lohnt das Bäume angebaut werden. In drei Jahren ist so viel Fläche angebaut worden und gewachsen, dass die gesamte Produktion, samt der Flugreisen in der CO2-Bilanz in einigen Jahren auf Null steht. Damit nicht irgendwelche Bäume angepflanzt werden, gibt es eine Kooperation mit einer lokalen Universität, die die Setzlinge zur Verfügung stellt und beratend zur Seite steht. Auch hier steht die Förderung der Biodiversität wieder im Vordergrund. Wir pflanzen alle einen Baum und Ranga erzählt viele Geschichten über das Land und das Projekt.



Zum Schluss und als tollen Abschluss der gemeinsamen Reise besuchen wir Rangas Fabrik (eine Näherei). Ich habe den Eindruck, hier ist ein neuer Standard gesetzt worden. Es gibt keine Vorgabe für die Arbeitsbekleidung, dafür gibt es besondere Unterstützung alleinerziehender Mütter, eine Kantine und abschließbare Fächer für persönliche Wertsachen, ein Betriebsarzt mit eigenem Gebäude, ein Kindergarten ( die Schichten der Mütter sind angepasst), 80 % natürliches Licht, ein ausgeklügeltes natürliches Lüftungssystem und ein Energiemanagement, welches ausgerichtet ist auf minimalen Verbrauch. Am Ende habe ich noch erfahren, dass es in Indien mind. 12 bis max. 18 Tage Urlaub gibt (Die Arbeiter*innen hier haben 18 Tage). Außerdem gibt es um die 26 nationale Feiertage.



Die letzten beiden Tage fühlen sich anders an. Im Süden ist die Landschaft grüner, die Architektur farbenfroher - das macht etwas mit der Stimmung. Das Leben fühlt sich geschäftiger und lebendiger an. Die Eindrücke und Erfahrungen lassen mich nicht mehr los und ich bin bei jedem Stück Stoff, Faden oder Faser wieder auf der Farm und auf dem Schulhof, die ich bei dieser Reise kennenlernen durfte. Es wird Zeit brauchen, das alles zu integrieren. Auf jeden Fall kehre ich dankbar, demütig und reich an Eindrücken zurück.



Als Gruppe verbringen wir zum Teil noch einen weiteren Tag zusammen - wir sprechen über die Eindrücke und was wir nach der Rückkehr alles tun wollen.


Wir werden etwas tun.


Ich freue mich über Feedback zum Text, Korrekturen und Hinweise, wenn ich etwas nicht richtig wiedergegeben habe oder die Angaben aus meiner subjektiven Wahrnehmung nicht korrekt sind. Für weiteren Austausch zum Thema oder Fragen rund um diese Reise und Lieferkette freue ich mich über jede Anfrage.



Sebastian Daume

Gründer & Mitgestalter





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